Intention

In dieser Rubrik stelle ich meiner Ansicht nach besonders lesenswerte Bücher vor. Die Empfehlungen sind nicht notwendigerweise Neuerscheinungen, sondern einfach gute Bücher, bei denen es auch durchaus sein kann, daß meine eigene Lektüre bereits lange zurückliegt. Von April 2002 bis Mitte 2004 gab es hier ungefähr monatlich eine Buchempfehlung. Die Besprechungen der vorangegangenen Jahre 2003 und 2002 finden sich auf eigenen Seiten für 2003 und 2002.

Mai/Juni/Juli 2004

Noah Gordon 

Der Medicus

Wir befinden uns im London des Jahres 1021. Robert Jeremy Cole verliert im Alter von neun Jahren kurz hintereinander Mutter und Vater. Seine Geschwister und er werden getrennt, Rob kommt als Lehrling zu einem reisenden Baderchirurg, der übers Land zieht und mit Gaukelei und einfacher Heilkunst seinen Lebensunterhalt verdingt.

Nach dessen Tod keimt in dem jungen Erwachsenen der Wunsch heran, ein echter Medicus – ein Arzt – zu werden. Er macht sich auf ins ferne Persien, um beim berühmtesten Arzt der Welt zu studieren. Nach langer Reise erlangt er das Wohlwollen sowohl des Schahs als auch des Arztes, er nimmt eine andere Identität an, um jenseits aller religiösen Vorurteile studieren zu können. Er gewinnt Freunde und verliert sie, er gewinnt das Herz einer Frau, und nach langen Jahren, nachdem das Königreich am zerfallen ist, machen sich der Medicus samt Familie auf den Heimweg nach Britannien.

Noah Gordon schafft es, über Kulturkreise hinweg eine ganz besondere Atmosphäre zu kreieren, die gleichwohl spannend wie realistisch ist. Facettenreich und doch schnörkellos schildert er das Leben des werdenden Medicus, gibt Einblick in die Konflikte zwischen den Religionen, läßt seinen Helden Vorurteile spüren und religionsübergreifend verbotene Forschung betreiben.

Der Medicus ist ein Buch, in dem das Mittelalter fernab von Königssagen und Märchen aus tausendundeiner Nacht wieder lebendig wird, das eben geraden vom Aufeinandertreffen der Kulturen lebt. Auf jeden Fall ist es sehr lesenswert.

April 2004

John Grisham 

Die Bruderschaft

Drei Richter mit unterschiedlichen Herkünften und Charakteren haben sich im Bundesgefängnis von Trumble, in dem sie wegen verschiedener Vergehen einsitzen, zusammengetan und regeln als „Bruderschaft“ Streitfragen der Insassen.

Aaron Lark, einfacher Abgeordneter des US-amerikanischen Senats, wird vom CIA zum Präsidentschaftskandidaten gemacht, um dessen Interessen zu dienen. Auf verschlungenen Wegen bekommt er für seinen Vorwahlkampf Unmengen an Geld und wirft damit einen Mitbewerber nach dem anderen aus dem Rennen.

Die beiden Welten treffen sich, als die Richter bei ihrer Nebentätigkeit als Erpresser von älteren Männern mit homosexuellen Neigungen durch Zufall an den Präsidentschaftsbewerber geraten.

John Grisham verflicht meisterhaft Welten, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Er bietet aber auch den zweiten Blick: unsaubere Methoden sind hier wie dort an der Tagesordnung und letztlich haben die beiden Welten mehr gemeinsam, als daß sie unterscheidet. „Die Bruderschaft“ ist mein erster Grisham, doch sicher nicht mein letzter.

Februar/März 2004

Prof. Dr. Stephen Hawking, Jahrgang 1942, Physiker und Mathematiker an der Uni Cambridge, hat 1988 (mit der Neubearbeitung 1997) sein wohl bedeutendstes Werk der Populärliteratur vorgelegt: Eine kurze Geschichte der Zeit.

Was ist die Raumzeit? Was bedeutet der Urknall? Dehnt sich das Universum aus? Welchen Einfluß haben subatomare Strukturen darauf? Was ist Zeit? Mit eigentlich staubtrockenem Inhalt, einem Überblick über kosmologische Denkmodelle hielt sich das Buch über Jahre in den Bestsellerlisten. Die Reise geht von der geschichtlichen Entwicklung des Modells des Universums über die Unschärferelation bis hin zu schwarzen Löchern und der Zeit selbst als Forschungsgegenstand. Welchen Einfluß haben die Hauptsätze der Thermodynamik auf den Fortgang der Zeit, und was kann sich schneller als das Licht ausbreiten?

Stephen Hawking hat – neben seiner ausdrucksstarken Sprache – einen Vorteil bei der Erklärung der Welt in ihrem Innersten: Er hat die Theorien nicht nur alle verstanden, bei einem Teil davon war er auch selbst maßgeblich an der Entwicklung beteiligt.

Hawking nimmt seine Leser ernst, während er über sich selbst auch schmunzeln kann, und das liest man auch. Er würzt seine Erklärungen mit persönlichen Anekdoten und Anmerkungen, ohne sich jedoch darin zu ergehen, sondern mehr als Randnotizen. Absolut lesenswert!

Eine kurze Geschichte der Zeit erschien im Original als „A Brief History of Time

Januar 2004

Andreas Eschbach 

Eine Billion Dollar

John Salvatore Fontanelli, ein abgebrannter Pizzafahrradfahrer, hat geerbt. Nicht eine Million, nicht eine Milliarde, sonder eine Billion Dollar. Sein Vorfahre hat im 16. Jahrhundert sein Vermögen angelegt, so daß es durch Zins und Zinseszins in fast 500 Jahren auf die unglaubliche Summe mit zwölf Nullen angewachsen ist. Doch verbunden im Testament steht auch, der Erbe würde der Menschheit die verlorene Zukunft zurückgeben.

John ist zunächst überwältigt von seinen neuen Möglichkeiten, aber weiß nicht, was er tun soll. Ein Unbekannter bietet sich ihm schließlich zur Hilfe an. John nimmt an und sieht in atemberaubender Geschwindigkeit sein Imperium und seine Macht wachsen. Doch ihm kommen Zweifel über das Ziel...

Wiedereinmal hat Andreas Eschbach ein Buch über einer ebenso einfachen wie faszinierenden Idee aufgebaut. Fast jeder dürfte von unglaublich viel Geld träumen. Doch was, wenn man mehr Geld zur Verfügung hat, als man träumen kann? Zuviel, als daß man es komplett für eigene Zwecke ausgeben kann. Unnötig, es zu investieren, daß es noch mehr werde. Spenden? Stiften? An wen? Wofür? Welcher Zweck ist der Beste?

Andreas Eschbach erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der es nicht gewohnt ist, Geld zu haben und auch nicht gewohnt ist, Entscheidungen größeren Ausmaßes zu treffen. Fontanelli ist ein Niemand und eigentlich würde er es immer bleiben. Genauso fühlt er sich. Warum um alles in der Welt ist er der Erbe? Was könnte er bloß tun? Muss er überhaupt etwas tun? Eschbach beschreibt die Seelenqualen eines Mannes, der verloren in einer Welt steht, die nicht die seine ist und trotzdem versucht, alles so gut wie möglich zu machen. Alles dreht sich um Geld und um Macht. Machtgehabe, Machtstrukturen und immer wieder Ohn-Macht.

Mein Prädikat: besonders lesenswert!

 
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