Intention
In dieser Rubrik stelle ich meiner Ansicht nach besonders lesenswerte Bücher vor. Die Empfehlungen sind nicht notwendigerweise Neuerscheinungen, sondern einfach gute Bücher, bei denen es auch durchaus sein kann, daß meine eigene Lektüre bereits lange zurückliegt. Seit April 2002 gibt es hier monatlich eine Buchempfehlung. Auch für das Jahr 2003.
Dezember 2002
November 2002
Hoimar von Ditfurth
Innenansichten eines Artgenossen
Mit „Innenansichten eines Artgenossen“ legte Hoimar von Ditfurth, Jahrgang 1921, erstmals komplett dar, was ihn während seines Lebens und Wirkens als Professor für Psychiatrie und Neurologie sowie als Wissenschaftspublizist beschäftigt hat. Von Ditfurth verstarb 1989.
Von Ditfurth zeichnet mit spitzer Feder im Gerüst einer Autobiographie ein umfassendes Bild unserer Gesellschaft und unserer Zivilisation, spickt Anekdoten seines ereignisreichen Lebens mit wissenschaftlicher Grundlagenforschung, und hält vor allem auch mit seiner eigenen Meinung nicht hinterm Berg. Er erklärt die Zusammenhänge des Nationalsozialismus, den er als Junge und junger Erwachsener sowohl in der Schule als auch als Sanitätssoldat miterlebt hat, mit den archaischen Verhaltensweisen, die zu dessen Verbreitung wesentlich beigetragen haben. Innenansichten eines Artgenossen ist ein Geschichtsbuch, ein Kompendium der Geistes- und Naturwissenschaften und doch in keinster Weise oberlehrerhaft geschrieben. Ditfurth räumt mit einigen Ammenmärchen wie den Thesen des Dr. Freud oder der angeblich so unwissenden Bevölkerung zu Zeiten des Dritten Reiches auf. Nicht zuletzt jedoch vermittelt Ditfurth, warum unser Staat so ist wie er jetzt ist, und wie unser jetziges politisches Weltbild manipuliert wurde, das viele der aktuellen Probleme verursacht.
Drei mal mußte ich ansetzen. Das erste Mal, 1989, als es bei uns ins Haus kam, war ich zu jung für dieses Buch. Einige Jahre später, als ich mich wieder daran erinnerte, war ich immer noch zu jung dafür. Lange hatte ich es nun vergessen, bevor ich es mir vor kurzem wieder in die Hände fiel. Und diesmal war ich soweit, es zu verstehen. Ich halte Innenansichten eines Artgenossen für eines der wichtigsten Bücher überhaupt, das jeder nach Möglichkeit unbedingt gelesen haben sollte. Die Art und Weise, in der Ditfurth Geschichte und Wissenschaft zu verbinden vermag, ist einzigartig und aufschlußreich.
Da sich ein Kauf aufgrund der vergriffenen Auflagen schwierig gestaltet, empfehle ich den Gang in eine wohlsortierte Bibliothek.
Oktober 2002
Paul Watzlawick
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen.
Der Titel dieses Buches ist Programm. Was ist das, was wir als Wirklichkeit ansehen? Gibt es eine „objektive Wirklichkeit“? Wo liegen die Grenzen unseres Verstehens und Denkens? Auf unterhaltsame Weise, mit Hilfe von Anekdoten und Beispielen vermittelt Paul Watzlawick, Forschungsbeauftrager am Mental Research Institute in Palo Alto, CA, ein anderes Bild von Realität, das sich von unserer üblichen stark unterscheidet. Über vieles denken wir normalerweise nicht nach, sondern nehmen das meiste als gegeben hin. Verhaltensforscher, Philosophen und Physiker prägen unser Weltbild seit Jahrhunderten, doch alle Paradigmen sind stets im Fluß.
In drei Teile – Konfusion, Desinformation und Kommunikation – gegliedert, präsentiert Watzlawick unter anderem Beispiele aus geheimdienstlichen Tätigkeiten des 20. Jahrhunderts, sowie Ergebnisse psychologischer Experimente aus allen Etappen der Forschung.
Wie wirklich ist die Wirklichkeit? hat mich schwer beeindruckt. Vieles, was ich verstreut ab und an irgendwo aufgeschnappt hatte, finde ich in diesem Werk wieder. In meinen Augen ist es ein wichtiges Buch, weil es viele scheinbar gegebene und unabänderliche Wahrheiten relativiert, ohne ihre subjektive Korrektheit jedoch in jedem Fall in Frage stellen zu wollen. Denn Wirklichkeit ist nicht das, was ist, sondern das, was wir erleben.
September 2002
Scott Adams
Das Dilbert Prinzip
Das Dilbert Prinzip ist ein Wirtschaftsbuch. Aber ein ganz anderes. Scott Adams ist Cartoonist, und dieses Buch ist ein ironischer Leitfaden für das Wirtschaftsleben, gewürzt mit Adams' Cartoons. Die Kapitel tragen Titel wie Demütigung, Machiavellistische Methoden oder Arbeit vortäuschen. Jeder wird die eine oder andere Begebenheit dieses Buches bereits einmal erlebt haben, z.B. daß zu einer Aussage „Ich rufe Sie an, wenn ich Bescheid weiß“ der fehlende Satzteil „... daß Sie nicht da sind“ gehört, oder daß das Motivationsprogramm Angestellter des Monats für die „Marionetten“-Kaste gedacht ist.
Mit spitzer Feder greift Adams alles auf, was einem im Büroalltag über den Weg läuft. Beißender Humor zeigt dem Leser, wie Vorgänge in der Firma, Worte von Vorgesetzten und Kollegen auch interpretiert werden könnten. Um bleibende Schäden für Arbeitsauffassung oder Moral zu vermeiden, sollte der geneigte Leser sicherstellen, daß er die Ironie versteht.
Bereits 1996 in der Originalausgabe „The Dilbert Principle“ erschienen, hat es nichts von seinem Witz verloren und ist meiner Meinung nach der Überlebensführer für den Arbeitsalltag.
August 2002
Andreas Eschbach
Das Jesus Video
Ein junger Hobbyarchäologe findet bei Ausgrabungen in Israel in einem 2000 Jahre alten Grab die Bedienungsanleitung einer Videokamera, die erst in drei Jahren auf den Markt kommt. Der Grabungsleiter, und der geldgebende Medienmogul sind davon überzeugt, daß das dazugehörige Gerät noch irgendwo vergraben sein muß. Was, wenn Jesus auf dem Video zu sehen ist? Es entbrennt ein Wettlauf um die Kamera zwischen dem Mogul und dem Hobbyarchäologen und schließlich auch dem Geheimdienst des Vatikan.
Wer einen geradlinigen und vorhersehbaren Handlungsverlauf erwartet, wird überrascht sein. Ausgezeichnet recherchiert hat Eschbach eine Geschichte geschaffen, die meiner Ansicht nach in besonderer Weise die Schicksale verschiedener Menschen verbindet. Sie alle haben unterschiedliche Ziele und Mittel, doch sie alle jagen nach ein Artefakt aus der nahen Zukunft, das seit 2000 Jahren irgendwo in Israel verborgen liegt. Es ist eine Geschichte von Menschen und einer Firma, die die Wahrheit am liebsten allein für sich beansprucht. Eschbach wird aber nie einseitig in seinen Beschreibungen, keine der Gruppen ist durchwegs „schlecht“, alles hat zwei Seiten, und am Ende ist es eben doch auch Glaubenssache.
Das Jesus Video war das Buch des Jahres 1998, hat den Kurd-Laßwitz-Preis erhalten und ich finde es äußerst lesenswert.
Juli 2002
Katie Hafner, Matthew Lyon
Arpa Kadabra
Die Geschichte des Internet
Mitte der 60er Jahre gab die Abteilung ARPA des US-Verteidigungsministeriums die Entwicklung eines Computernetzes in Auftrag, um die Supercomputer einiger amerikanischer Eliteuniversitäten miteinander zu verbinden. Dieses Netz ist die Grundlage dessen, was wir heute als das Internet kennen, ein zur damaligen Zeit revolutionäres Konzept, den Computer auch als Kommunikationsinstrument zu sehen und nicht auf bloßes Rechnen zu beschränken. Die Gruppe um J.C.R. Licklider, Menschen mit unterschiedlichsten Spezialisierungen, über das ganze Land verteilt, rief das ARPANET ins Leben, lange, bevor an Protokolle wie TCP/IP zu denken war.
In jedem Kapitel werden andere Persönlichkeiten und ihr Beitrag zur Entstehung des Netzes beschrieben. Aus faszinierenden Episoden fügt sich das gesamte Bild zusammen, die Autoren verstehen es, auch die technischen Inhalte einem breiteren Publikum verständlich zu machen. So gesehen ein Geschichts- und ein Geschichtenbuch, das nicht irgendwelche historischen Aufzählungen beinhaltet, sondern die Sorgen und Probleme realer Menschen, die das angefangen haben, was viele erst seit Mitte der 90er Jahre kennen.
Juni 2002
Allan & Barbara Pease
Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken
Seit Monaten schon in den Bestsellerlisten, der ultimative Leitfaden vom Ehepaar Pease fürs Zusammenleben von Männern und Frauen. Ein echter Knüller, erklärt, warum Männer und Frauen verschieden sind. Dabei werden z.B. Situationen beschrieben wie: Beide liegen im Bett, er starrt an die Decke. Während sie eine halbe Seite sinniert, ob er überhaupt an ihr interessiert ist, und was ihre Verwandten damit zu tun haben, schaut er nur fasziniert einer Fliege zu, die mit dem Kopf nach unten landet.
Sehr empfehlenswert für alle, verstehen wollen, wie anders das andere Geschlecht denkt und warum das so ist. Und gleichzeitig so witzig geschrieben, daß es wahnsinnig unterhaltsam ist. Fazit: Sehr empfehlenswert.
Englischer Originaltitel: Why Men Don't Listen and Women Can't Read Maps
Mai 2002
Wolfgang Körner
Der einzig wahre Opernführer
Schon mal in der Oper gewesen und wieder nicht gewußt, um was es geht? Keine Ahnung, was es mit den Morden und Liebesreigen von Aida bis Zauberflöte auf sich hat? Wer mit wem und warum, das bietet in unterhaltsamer Form dieser Opernführer. Nach der ein- bis vierseitigen Inhaltsangabe folgen noch die wichtigsten Informationen in Kürze: Der Kurztext für sehr Nervöse, also die Oper in einem Satz, das klingt dann etwa für Othello so: „Schlampige Frau paßt nicht auf ihre Sachen auf und kommt dadurch ums Leben. (Zwei Tote)“. Dazu kommen noch Tips für Pausengespräche, etwa für die Dreigroschenoper: „Vergleich der Verhältnisse im alten London mit jenen in Deutschland nach dessen Wiedervereinigung.“
Kurzum: Ein brillantes und völlig unverkrampftes Nachschlagewerk, das mir schon so manchen Theaterabend gerettet hat.
April 2002
Eine Sammlung von Kolumnen, die Bill Bryson für Mail on Sunday geschrieben hat. Bill Bryson, der lange in England lebte, legt hier eine Art „Ansichten eines Re-Immigranten“ vor. Köstliche Begebenheiten des Alltags und Marotten seiner Landsleute werden hier mit einem Augenzwinkern beleuchtet. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit einer anderen Eigenheit, wie z.B. der Fernsehgläubigkeit oder den Eßgewohnheiten.
Wenn man bereits in den USA gewesen ist, werden einem viele Eigenschaften bekannt vorkommen, und wer noch nicht da war, kann dieses Buch getrost als einen satirisch überspitzten Kulturführer hernehmen. Ich finde es hervorragend.
Englischer Originaltitel: I'm a Stranger Here Myself: Notes on Returning to America After Twenty Years Away
März 2002
Joanne Harris
Chocolat
Seit der zauberhaften Verfilmung von Lasse Hallström hat dieser Roman größere Verbreitung erlangt. Vianne Rocher und ihre Tochter Anouk eröffnen zu Beginn der Fastenzeit in einem kleinen, verschlafenen Städtchen im Frankreich der 50er Jahre eine Confisserie. Das stößt bei den Einwohnern, besonders aber beim örtlichen Priester auf Widerstand. Nach und nach jedoch erliegen die Menschen der Versuchung der Schokolade. Als Vianne zu anlandenden Flußnomaden hält, kommt es zum Eklat.
Das Buch spannt den Bogen von Faschingsdienstag bis Ostersonntag. Joanne Harris Sprache verbindet das Englische mit den französischen Begriffen und läßt eine bezaubernde Atmosphäre entstehen. Besonders für mich als Nichtromantiker eine faszinierende Lektüre.
Deutsche Ausgabe: Chocolat. Das Buch zum Film.










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